Sehr geehrte Personalverantwortliche,
wir leben in schwierigen Zeiten gesellschaftlichen, aber auch betrieblichen Umbaus.
Am Konsumverhalten der Arbeitnehmer/innen lässt sich ablesen, mit welchem Angstpotential in die Zukunft geschaut wird.
Wer Angst hat, zieht sich – das ist altbekannt- nicht selten in sein Schneckenhaus zurück und ist für Impulse von außen nunmehr schwer erreichbar.
Wie aber lässt sich in Zeiten des Abbaus Vertrauen schaffen und Ansätze zur gemeinsamen Problembewältigung finden?
Aus unserer Sicht bieten sich hier nicht nur aus strategischen Gründen, sondern aus echter Überzeugung die Konzepte der betrieblichen Gesundheitsförderung an.
Wenn wir uns im folgenden bei der Darlegung unserer Grundüberzeugungen eng an das Wohlbefinden des Mitarbeiters/der Mitarbeiterin anlehnen und von einem Konzept der Selbstverwirklichung ausgehen, so möchten wir hier doch auch einem Missverständnis vorbeugen.
Entgegen einer als antiquiert erscheinenden Vorstellung, dass Selbstverwirklichung etwas ist, was als Streben gesehen wird und vielleicht gegen Ende des Lebens – im Rückblick sozusagen – als annähernd erreichbar verstanden wird, scheinen wir heute einem hedonistischen Instant-Verständnis von Selbstverwirklichung in dem Sinne anzuhängen, das diese jederzeit und nahezu mühelos zu bewerkstelligen sei. Und ähnlich hedonistisch erscheint auch die Meßlatte, die wir bei der Beurteilung anzulegen gewohnt sind, ob eine Arbeit Spaß macht oder nicht. Auch hier überwiegt der Wunsch nach wohligem Erfülltsein; ein gewisses Maß an Anstrengung mag dabei das Wohlsein vielleicht sogar noch zu steigern. Aber Leiden, Schmerz oder gar Verzweiflung im Zusammenhang humaner Arbeit? – nein, danke.
Mir scheint, dass eine Organisationsentwicklung im Dienste der Gesundheitsförderung in Betrieben sehr wohl einen doppelten Umsetzungsprozess in Gang bringen könnte. Nämlich zum einen, der Vorstellung wieder Raum zu verschaffen, dass die Arbeitsfreude letztlich ein Ergebnis des Leidens in der Arbeit und ohne es kaum denkbar ist; und zum anderen das Bewusstsein dafür zu stärken, dass das Drama der Arbeit, das in unseren Organisationen immer wieder aufs Neue zur Aufführung gelangt, nicht von dem Drama zu trennen ist, dessen Leiden wir uns weithin zu verdrängen und zu vergessen gewöhnt haben. Leiden ist mit der Arbeit in unseren Organisationen unausweichlich verknüpft; wir können es nicht beseitigen. Die einzige Wahl, die wir individuell wie kollektiv haben, besteht darin, Einfluss darauf zu nehmen, ob dieses Leiden letztlich pathogene Funktion im Sinne hat, dass es die Menschen krank werden lässt und die Leistungsfähigkeit eines Betriebes verringert, oder ob diesem Leiden insofern eher eine kreative Bedeutung zukommt, als dieses Leiden deshalb ausgehalten und überwunden werden kann, weil es einen Sinn hat, weil es - individuell wie kollektiv – zu etwas führen kann, zu einem Gefühl und Erleben von Verwirklichung, das anders nicht zu erreichen ist. – Mit dem Leiden ist es ähnlich wie mit der Sterblichkeit, anstatt es auszumerzen und es zu ignorieren, sollten wir uns wieder an die Möglichkeit gewöhnen, ihm einen Sinn zu geben. Leiden und Sterblichkeit auf eine solche Weise wieder ernst nehmen, begründet erst das ernsthafte Bemühen, pathogenes Leiden und frühe Sterblichkeit zu reduzieren.
Eine so erstandene Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung könnte meines Erachtens ein hohes Maß an sozialer Phantasie und Anstrengung, aber auch an Kreativität und Arbeitsfreude freisetzen, von dem unsere Betriebe ebenso profitieren werden, wie die Menschen, die darin arbeiten.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Armbrust & Martina Roet