Worin unterscheidet sich die Heilprozessbegleitung von Therapie oder Theologie?
Wir betrachten den Menschen in seiner Vielschichtigkeit und lenken den Blick auf seine gesamten Seinsweisen. – in seinem körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Dasein, sowie in seiner Konstitution und Biografie.
Wir nehmen die Vielgestaltigkeit des Menschen als Ganzheit wahr.
Wir unterstützen Menschen bei der Suche nach den Quellen individueller Selbstheilungskräfte und bei deren Fruchtbarmachung.
Jeder Mensch ist aus unserer Sicht hinein gestellt in ein biografisches Geworden sein, in eine Gegenwart voller Ereignisse im Spannungsfeld von Vergangenheit und Zukunft.
Gemäß seiner ihm mitgegebenen oder entwickelten Gaben versucht er tagtäglich Leben und die damit für ihn verbundenen Herausforderungen zu bewältigen.
Tagtäglich ist er dabei Situationen, Erlebnissen, Begebenheiten ausgesetzt, die es in die eigene Identität zu integrieren gilt. Je nach Lebenslage ist er dabei mal mehr und mal weniger auch existentiell gefordert und gezwungen sich über den Sinn des Daseins Gedanken zu machen.
Notwendige, aber einengende, von außen wirkende Steuerungskräfte, die Einfluss auf das eigene Leben nehmen einerseits, die hohe geforderte Selbstverantwortung bei der eigenen Lebensgestaltung und -sicherung andererseits, sowie die je eigenen, individuell erfahrenen und sich von anderen unterscheidenden Lebenswege verunsichern, belasten und überfordern viele von uns immer wieder (können verunsichern. Diese Fragen werden gestellt im Dialog mit dem Heilprozessbegleiter).
Je nach Lebensphase ist das eigene Da-Sein zusätzlich an Aufgaben und Verantwortlichkeiten geknüpft, die es zu erfüllen bzw. zu tragen und auszufüllen gilt. Mal wird das eigene Tun von Erfolg gekrönt sein, mal wird der Einzelne an sich selbst oder an den zu hoch gesteckten Zielen scheitern.
Hilfreich ist in Situationen eigener Verstrickung, wenn man quasi vor lauter Wolken die Sonne nicht mehr sieht, der verstehende und wertschätzende Blick von außen, der mitfühlender Zeuge wird im eigenen Ringen.
Respekt und Aufmerksamkeit, sowie verantwortungsvolle, zurückhaltende, prozessuale Begleitung können durch die entstehende Berührung zwischen Zweien oft schon Anstoß in solchen Situationen sein, um Veränderung herbeizuführen und die Fähigkeit zur Selbstgestaltung wieder herstellen.
Heilprozessbegleitung findet in einem fortwährenden Prozess statt.
Gemeinsam mit dem Menschen, der sich die Begleitung wünscht, schaut der Heilprozessbegleiter, welche äußeren bzw. inneren Ereignisse bzw. Erkenntniseinbrüche, ihn aus seiner eigenen Mitte geworfen haben, die ihn nun zur Inanspruchnahme von Begleitung veranlassen. Gemeinsam wird erspürt, was das Ziel der Begleitung sein könnte: Geht es um das Erarbeiten von Annahme einer unausweichlichen Situation? Geht es um das Erreichen von Zielen, die in weite Ferne gerückt scheinen? Geht es um Wünsche von Haltungs- oder Verhaltensänderung? Geht es um grundlegendere Werteneuorientierung? Geht es um existentielle Erfahrungen, die die (auch zeitliche) Begrenztheit unserer Existenz haben aufscheinen lassen? Geht es also auch um Sinnfindung? Geht es um transpersonale Erfahrung?
Dabei heißt für uns, wieder zur Mitte finden, nicht immer und unausweichlich kurzfristig wieder produktiv zu werden im Sinne unserer Produktionsgesellschaft.
Wir als Heilprozessbegleiter/innen sind, die Zustimmung des begleiteten Menschen vorausgesetzt, dazu bereit, auch unorthodoxe Wege mit zu gehen und z.B. jede Form von Arrangements zu begleiten, die notwendig sind, um eine tiefgreifende Wandlung, die wieder hin zu mehr Ganzheit und Heil führt, zu ermöglichen.
Dabei wissen wir, dass jeder Mensch bei solchen Prozessen von seiner Eigen-Zeit und seinem Eigen-Raum ausgehen muss.
Jeder Mensch gehorcht in erster Linie seinen eigenen, selbstorganisatorischen Gesetzen, die nur durch seine Eigenstruktur und durch seine eigene Geschichte erklärbar sind. Jeder Mensch will mit seinem Tun seine eigene Struktur bzw. sein Gleichgewicht aufrechterhalten, alle „Deformationen“ möglichst rasch und ökonomisch wieder ausgleichen. Jeder Mensch bringt von Anfang an seinen je eigenen Bauplan mit auf die Welt.
Wir glauben an die Fähigkeit des Menschen zur Selbstorganisation. Der Mensch hält durch andauernde Aktivität sich selbst als Organismus (Organisationsform) als kritische, fundamentale Variable konstant. Alle dynamischen Zustände seines Organismus dienen dazu, das Gesamte im Gleichgewicht zu halten, bzw. es andauernd in ein neues Gleichgewicht zu bringen.
Es gibt kein feststehendes Bezugssystem außerhalb in ihm, jedes Bezugssystem ist selbst Bühne des Neuwerdens und Teil der Wandlung und ist immerfort an der Veränderung und Neufindung des Gleichgewichts beteiligt.
„Eigenraum“ und „Eigenzeit“ bewegen sich im Rahmen von Gleichzeitigkeitsbeziehungen und Ungleichzeitigkeitsbeziehungen zu Parallelräumen und Parallelzeiten. Dabei gibt es so etwas wie eine psychische Innenzeit bzw. ein je eigenes, persönliches, psychisches Tempo, einen eigenen Rhythmus.
So wie jede Blumen- und Pflanzenart ihren Rhythmus zur Entfaltung und zur Blüte hat, so hat jeder Mensch seinen Rhythmus. Dabei darf das nicht starr gedacht werden, sondern muss als deformierbar betrachtet werden. Je nach Kontext, je nach Stimmung, Jahreszeit, Jahrestemperatur, Wetterlage, je nach Anforderungsdruck, traumatischen Einschnitten, Überforderungsphasen, erfüllten Seins-Phasen oder Eindruck hinterlassender Stille-Zeit, kann sich der Rhythmus ändern, z.B. ausdehnen, zusammenziehen, verzerren usw.
Jede Wirklichkeit, ganz gleich ob materiell oder psychisch ist offensichtlich die Resultante von „im Prinzip“ ganz gleichartigen, sowohl synchronen, wie diachronen Prozessen; erst zusammen schaffen beide „fortwährend“ Realität oder Gegenwart und es kommt zu ausgedehnten Ereigniszusammenhänge.
Wir leben in einem Raum der steten Beschleunigung aller Kommunikationsprozesse, der zunehmenden Automatisierung, der um sich greifenden Anonymisierung, der Leistungsverdichtung, der allgegenwärtigen Sinnentleerung, der Taktzeit, der Effektivierung, der Mobilmachung von Maschinenenergie, des Einschmelzens von lokalen Unterschieden und Traditionen, der zunehmenden Vermassung, der immer enger werdenden Möglichkeiten zur Selbstgestaltung und zum Selbsterleben der „Eigenzeit“. Maschinenzeit und Eigenzeit finden immer schwerer zusammen zu einer gemeinsamen Qualität. Heilen setzt bewusstes LEBEN in Eigenraum und Eigenzeit voraus.
Dabei verkennen wir vor lauter Huldigung der Maschinenzeit, dass es ohne Eigenzeit und ohne Eigenraum keine Heilung gibt.
Der Mensch mitsamt seinem Geist, seiner Technik, seinen sozialen, zivilisatorischen und künstlerischen Errungenschaften ist und bleibt ein Teil, ja sogar ein Produkt der Natur. Es wäre fatal, diese fundamentale Tatsache nicht bald wieder zu entdecken.
Aber leider unterliegen einmal erworbene und als operational befundene Denk- und Fühlsysteme einer enormen Trägheit.
Die unreflektiert als objektiv bezeichnete Wissenschaft glaubt sich heute in der Mitte zu befinden. Alles, was sich neben ihr bildet ist unwissenschaftlich, esoterisch oder sektiererisch und ohne Bewandtnis. Doch das ist weit gefehlt. Die echte Mitte baut beim Erwerb von Welterkenntnis nicht nur auf Geist, sondern auch auf Seele und Gefühl, sowie auf Eigenraum und Eigenzeit. Außerdem verachtet eine wahre Mitte keinen Erkenntnismodus und auch keine der verschiedenen Daseinsformen und keine der damit verbundenen Glaubenssysteme, solange sie die Würde des Einzelnen und die Unversehrtheit des Ganzen achten.
Jede kleine Einzelwahrheit wird vom Heilprozessbegleiter akzeptiert. Mitte ist für ihn allumfassendes Sein und allumfassendes Werden, sowohl Gleichgewicht wie Zerstörung, sowohl Ruhe wie Bewegung.
Jede Zeit, jeder Mensch, jeder Einzelne muss die Wahrheit, die Wirklichkeit immer wieder neu fassen, neu formulieren, neu spüren (denken und fühlen zugleich) und dafür braucht er Eigenzeit, den Willen zur Introspektion, das Anbinden an die eigenen Lebens- und Heilkräfte, dafür braucht es den Gang in die eigene Tiefe, das Eintauchen ins eigene „Noch-Nicht“ um aus dem Dunkel der noch nicht gelebten Zukunft neue Gewissheit für sich und sein Schicksal oder auch über die Zusammenhänge der Welt zu gebären. Es braucht an dieser Stelle induktive Prozesse und nicht deduktive Vorgaben.
Stattdessen erleben wir eine immer weiter fortschreitende Heilmitteleinschränkung, synthetische Arzneimittel anstelle von pflanzlichen Substraten. Eine Werkstattmentalität im Krankenhaus, die alles, was krank ist, wegschnippelt, getrieben von einer auf die Reparatur beschränkte Geschäftigkeit, die dem kranken Menschen in keiner Weise gerecht wird. Dieser sollte besser gestern, wie heute schon wieder in das Arbeitsleben eingefädelt sein.
Krank sein bedeutet auch Einschränkung oder Verlust menschlicher Entfaltungsräume oder Einschränkung der Selbstentfaltung. Gesundung ist ein Widererschließen menschlicher Lebensmöglichkeiten.
Wir wollen Mut machen und dabei unterstützen, dass wieder mehr individuelle Selbstregulation möglich wird.
Damit das gelingen kann, brauchen wir wieder einen anderen Zeit- und Raumbegriff (Objektkonstanz, Orientierung).
Es geht auch um Reintegration des Wissens von Sterben und Tod und um die Initiierung einer Kultur des Mitgefühls, die in der Lage ist, die Unterstützung zu geben, die es braucht, um mit Mut in den letzten Schritt einzuwilligen, wenn er sich denn nun ankündigt und vollzogen werden muss.
Es geht um Lebensgestaltung, auch oder gerade auf dem Weg in den Tod.
Im Gegensatz zu theologischen und pastoralen Haltungen wünschen wir uns hier keine Bedingungen für die Begleitung auf dem letzten Schritt. Der Hilfe suchende, leidende, sterbende Mensch braucht einen Begleiter der bedingungslos da ist, ohne eine bestimmte Weltanschauung zu verbraten oder gar einzufordern.