II.Das Krankenhaus
Man kann allgemein sagen, dass die Erkrankung zu allen Zeiten die Fähigkeit eines Systems, mit Belastungen fertig zu werden, auf eine harte Probe stellt.
Diese Fähigkeit ist, wie wir wissen, abhängig von Faktoren wie persönliche Biographie und Krankheitserfahrung, Persönlichkeitsstruktur, die Fähigkeit, Hilfe bei anderen zu suchen und anzunehmen, sowie das Vorhandensein von äußeren Angeboten an Hilfe und Stütze. Emotionale und soziale Unterstützung kann eine soziale Isolation verhindern.
Der Erhalt an subjektiv erlebter Bedürfnisbefriedigung, weniger die objektive Registrierung der körperlichen und seelischen Belastungen, gibt Auskunft über das Wohlbefinden. Die Lebensqualität alltagspraktischer Hilfen kann wertvoller als mancher Gesprächskontakt sein.
Es ist in der Medizin unverzichtbar, dass das nüchtern auf langjähriger Erfahrung beruhende medizinische Urteil des Arztes sich mit dem jeweils einzelnen ringenden Patienten verbindet und sich dort auf eine Entwicklung einlässt. Nur so kommt man zu einer wirklich patientenorientierten und nicht durchschnittsfall-orientierten Medizin.
Ganz natürlich muss der Kontakt unter den Ärzten, Pflegern, Schwestern und Patienten sehr eng sein. Diese Wahrnehmungsdichte ist nötig, um die Qualität der Therapie und die Wirkung der Heilmittel immer neu zu prüfen und schöpferisch weiterzuentwickeln.
Jede Krankheit tritt ungebeten im Leben des Menschen auf. Mit dem Ernst der Erkrankung wird vieles klein und bedeutungslos. Die Krankheit verweist auf das innerste Wesen des Menschen, auf seine Individualität. Aus vielen einsamen Situationen des Lebens hebt sich die Einsamkeit eines Schwerkranken in besonderer Weise heraus. Krankheit ist nicht nur ein Störfall im Betrieb des Organismus. Bei der Vielfalt der Faktoren, die an einer Krankheit beteiligt sind, ist das Erleben des Menschen ein wesentlicher Aspekt. Es gibt kaum ein Krankheitsbild, an dem das Seelische nicht einen unübersehbaren Anteil hat- als ruhelose Anspannung, als Sorge, als nicht gelöstes Problem. Krankheit ist daher immer auch ein Appell an den werdenden, sich entwickelnden Menschen.
Das Entwicklungspotenzial der Krankheit anzunehmen, ist oft der erste Schritt zur Genesung und der Aktivierung der Selbstheilungskräfte.
Pflege leistet dabei Hilfe bei allem, was der Patient nicht mehr kann, und fördert dabei immer seine Selbständigkeit.
Um Sorgen und Nöte zu erfahren, braucht es die Bereitschaft zum Hinhören. Der Patient hat vielleicht einen schweren Weg vor sich. Hier ist eine treue Begleitung wichtig. Wenn der Patient spürt, dass Krankenschwestern und Pfleger mit Geduld und Einfühlungsvermögen an ihn herantreten, entsteht Vertrauen, das nötig ist, um einen bestmöglichen Therapieverlauf zu gewährleisten.
Mitarbeiter/innen im Krankenhaus sollten in einem gewissen Maß Echtheit, Einfühlung, die Fähigkeit zum Mitgefühl, menschliche Wärme, Achtsamkeit eigenen wie fremden Empfindungen und Bedürfnissen gegenüber sowie die Fähigkeit zur Zuwendung mitbringen.
Manchmal ist Stärkung von Selbstsicherheit und Selbstverantwortlichkeit im Umgang mit dem medizinischen System notwendig, um die Mündigkeit des einzelnen Patienten zu fördern..
Die Medizin hat sich entwickelt. Im Gegensatz zu Aufklärungsgesprächen früherer Jahre erfahren wir heute zunehmend, dass die Aufklärung entlang der psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten des Patienten geschieht. Dementsprechend ist Aufklärung immer als ein prozesshaftes Geschehen zu verstehen, das sich über mehrere Gespräche, geführt in verschiedenen Phasen des Verarbeitungsprozesses, erstreckt. So beginnt die Aufklärung im Grunde schon mit der Hinführung zu diagnostischen Maßnahmen, denn in non- und paraverbaler Weise wird der Arzt bereits etwas über die Prognose der von ihm erwarteten Diagnose mitteilen. Es wird oft schon gewährleistet, dass das gesamte medizinische und pflegerische Team in den Vorgang der Aufklärung eines Patienten eingebunden ist. Die Behandlung, Betreuung, aber auch die Führung des Patienten durch Ärzte und Pflegepersonal wird nur dann ausreichend gewährleistet sein, wenn der Umfang und die Dimension stattgehabter Aufklärung allen Vertrauenspersonen umfassend bekannt sind. Lebensqualität im Sinn von "Leben mit der Krankheit" wird wesentlich von einer vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung bestimmt.
Aufklärung sollte immer im Dialog stattfinden, in einem Prozess des wechselseitigen Aufeinander-Eingehens. Damit wird auch deutlich, dass es kein allgemeingültiges Rezept für "die Aufklärung des Patienten" gibt. Inter- und intrapersonelle Faktoren sowie Aspekte der situativen Gegebenheiten beeinflussen jeweils die Art und Weise des Aufklärungs-
gespräches. Die "Wahrheit am Krankenbett" erschöpft sich keinesfalls nur in der Information über eine Diagnose. Ziel des ärztlichen Vorgehens sollte sein, mit dem Patienten so zu kommunizieren, dass dieser seinen Zustand verstehen und für ihn bedeutsame Fragen, zum Beispiel über Ursachen und Prognose, formulieren kann. Zur Verarbeitung des Gehörten, zur Auseinandersetzung mit vielleicht unangenehmen Tatsachen und nicht zuletzt zum Einlassen auf die eigenen Gefühle brauchen Patienten Zeit - oft mehr Zeit als es die klinische Situation erlaubt.
Schon während der stattfindenden diagnostischen Maßnahmen sollte der Umgang mit der möglichen Diagnose die Grundlage für eine vertrauensvolle, tragfähige Therapiebeziehung bilden. Mit dem Aufklärungsgespräch werden für den Patienten die Weichen für seinen Umgang mit der eigenen Krankheit und für die Akzeptanz der Krankheit und der oft belastenden Therapiemaßnahmen gestellt. Eine von innerlicher Überzeugung getragene Entscheidung des Patienten für bestimmte therapeutische Maßnahmen fördert seine ‚Compliance’ bezüglich der Therapie und auch seine Möglichkeiten der subjektiven Krankheitsbewältigung. Die Initiative für eine offene Kommunikation über Diagnose und Therapie liegt in besonderer Weise beim Arzt. Er ist als Fachmann mit seiner medizinischen Kompetenz gefragt, soll dem Patienten als Laien den Hintergrund der Krankheit erhellen, sowie die Möglichkeiten der Behandlung oder zumindest der Besserung seines Zustandes erläutern. Keinesfalls sollte er mit Angst und Druck arbeiten, sondern die Entscheidungsautonomie beim Patienten lassen.
Immer mehr Patienten werden detailliert über ihre Diagnose und die entsprechenden therapeutischen Optionen informiert. Die Frage der Notwendigkeit und des Stellenwertes der wahrheitsgemäßen ärztlichen Aufklärung muss speziell z.B. in der Onkologie auch unter dem Aspekt des Selbstbestimmungsrechts des Patienten gesehen werden. In Anbetracht des bevorstehenden Todes ist es die Verpflichtung des gewissenhaft Aufklärenden, das Wesen der Krankheit in einer für den Patienten fassbaren Form zu vermitteln. Dies kann sich auf keinen Fall auf die Aufzählung von Wahrscheinlichkeitsberechnungen beschränken.
Die Kenntnis der Prognose eines Leidens ist eine wichtige Voraussetzung für die Führung eines Aufklärungsgespräches. Die Behandlung des Leidens kann Heilung erbringen.
Die Behandlung des Leidens kann nur das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen.
Der Patient muss eine Vorstellung von dem künftigen Verlauf seiner Erkrankung entwickeln können. Nicht nur zur Gestaltung seiner sozialen Beziehungen und ökonomischer Absicherungen muss die Tatsache der Begrenztheit der Zeit nach bestem Wissen und Gewissen mitgeteilt werden. Dies ist häufig schwierig, da die Abschätzung der individuellen Prognose nur mit größeren Unsicherheiten gelingt, und der Arzt ja nicht über hellseherische Fähigkeiten verfügt.
Ist der Schweregrad der Krankheit einmal mitgeteilt, und die Behandlung beginnt und zeigt Erfolge, so treten in dieser Situation die Fakten des initialen Aufklärungsgespräches zur Prognose wieder in den Hintergrund. Dieser Prozess der Verarbeitung oder Verdrängung ist von Hoffnung getrieben. die bestehenden Therapieoptionen
Die Therapieplanung wird ausschließlich unter dem Aspekt des Erhaltes von Lebensqualität durchgeführt. Entscheidet sich der Patient in einer solchen Situation eindeutig gegen eine z. B. Tumorbehandlung, so ist die Entscheidung zu respektieren, auch wenn sie nicht der Erwartungshaltung des Arztes entspricht.
Obwohl nur einige alternative Heilungsmethoden rechtlich anerkannt sind, tendieren viele Menschen gerade in der Situation einer ernsteren Erkrankung dazu, sämtliche verfügbaren Behandlungsmethoden in Erfahrung zu bringen. Für viele Menschen ist es dabei nicht wichtig, ob die Methode anerkannt ist, sondern ob sie bei ihnen wirkt. Dem Gefühl zufolge, das bei den meisten Patienten entsteht, wird ein miteinander von Komplementärmedizin und Schulmedizin von Seiten der Schulmedizin in keiner Weise erwünscht. Da der P. jede nur erdenkliche Hilfe anzunehmen bereit wäre, wenn sie nur hilft die Krankheit zu besiegen, sind nicht wenige P. von dieser Grundhaltung zuerst schockiert und gekränkt und holen dann selbst unterschiedliche Informationen ein, die wiederum in Widerspruch zu den schulmedizinischen Aussagen stehen können. Dies führt nicht selten zu verdeckten Loyalitätskonflikten.
Immer wieder haben P. das Gefühl, darum kämpfen zu müssen, über ihre Krankheit hin-
reichend aufgeklärt zu werden (Zeit, Interesse d. Personals), und als Mensch, nicht als „die Krankheit“ behandelt zu werden.
Wünschenswert wären Ärzte, die der Komplementärmedizin wertfrei gegenüber stehen und der Meinung sind, dass alles, was dem/der Patienten/in nützt, auch von ihm/ihr in Anspruch genommen werden können soll. Patienten/innen dieser Ärzte müssen sich nicht zwischen Schul- oder Komplementärmedizin entscheiden, vielmehr kooperieren diese Ärzte mit den Komplementärmedizinern. Diese Patienten/innen bekommen den Rat zu tun, was sie für sich als hilfreich erachten, dabei aber darauf zu achten, dass ihnen niemand das „Geld aus der Tasche zieht“ oder es sie daran hindert, Sinnvolles zu tun (z.B. Termine für eine bestimmte schulmedizinische Therapie einhalten).
Neben der Behandlung sollte es in der Klinik um umfassende Vermittlung von Kenntnis über die natürlichen physiologischen und psychosomatischen Prozesse und Rhythmen sowie über die Möglichkeiten ihrer positiven Beeinflussung und potentiellen Gefährdung zu haben, gehen. Vermittlung von Wissen um die gesunde Persönlichkeitsentwicklung, um seelische Gesundheit und Wohlbefinden, um Möglichkeiten ihrer Förderung und Beeinträchtigung. Vermittlung von Wissen um psychosomatische Prozesse und um die Komplexität der sozialen und gesellschaftlichen Einflüsse auf individuelles Gesundheitshandeln.
Die Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Lebensweise setzt ausreichende Kenntnisse zu den Bereichen Ernährung, Bewegung, Entspannung, Stress- und Konfliktbewältigung, Abhängigkeit und Sucht, Sexualität, Hygiene, Kenntnisse zur Vorbeugung von Unfällen und Krankheiten, zur Selbstbehandlung banaler Krankheiten sowie zu den verschiedenen professionellen Angeboten der Vorbeugung, Beratung und Therapie voraus.
Das Gesundheitskonzept eines Menschen bestimmt, ob und wann Symptome wahrgenommen, wie sie erklärt und welche Folgen erwartet werden. Wann und aus welchen Gründen ein Mensch sich subjektiv als krank oder gesund betrachtet und fühlt, hängt von seinem Wissen um gesundheitsrelevante Verhaltensweisen, insbesondere aber auch von seinen Erwartungen hinsichtlich der Effektivität und der persönlichen Verfügbarkeit gesundheitsbezogenen Verhaltens ab.
Anforderung an den Patienten oder Wie kann ein begleiteter Weg zur Heilung aussehen?
Heilung hat im ursprünglichen Sinn die Bedeutung von (wieder) “ganz sein”, d.h. im Einklang mit sich und dem Leben sein. Heilung muss nicht immer zur medizinischen Genesung führen. Sie kann auch entstehen im Annehmen von Krankheit oder Tod. Heil wird, wer in Liebe zu sich stehen kann, wenn es um den letzten Schritt geht, wer ihn annimmt und das Unvermeidliche zu lassen kann.
Leid entsteht oftmals auch durch Ablehnung, durch Erwartungen und (Ver-)Urteilen.
Wir können dann vor lauter Wolken, das Strahlen, das hinter allem liegt nicht mehr sehen.
Die Heilung beginnt im Annehmen von dem, was gerade da ist.
Annehmen bedeutet nicht, Gefühle von Verletzt sein, Wut, Angst, etc. zu unterdrücken oder etwas unter den Teppich zu kehren. Die Essenz des Annehmens ist es, nicht gegen das zu kämpfen, was sowieso schon gerade da ist. Wenn der P. etwas Unumkehrbares unter den Teppich kehrt, verschwindet es deshalb noch lange nicht. Ja, im Gegenteil, es meldet sich mit umso lauterer Stimme zurück.
Wenn es um unser Aussehen, unsere Gesundheit, unsere persönliche Entwicklung, um unsere Beziehungen geht, halten wir oft an Wunschvorstellungen fest, anstatt das gegebene anzunehmen. Wie wir aber zu innerst alle wissen, führt dies zu unnötigen Komplikationen.
Sich die Erkrankung übel nehmen, das wäre wie wenn der P. einem Wegweiser die Schuld gibt für die Richtung, die er anzeigt und dass er ihn damit darauf aufmerksam macht, wenn er in die falsche Richtung fährt. Im normalen Leben wirt er den Hinweis für eine Korrektur seiner Fahrtrichtung nutzen.
Annehmen heißt nicht, dass der P. alles dauerhaft so lassen musst, wie es ist. Auf einer Reise nimmt er seinen momentanen Standort auch nur als Ausgangspunkt und bewegt sich dann von dort aus auf sein Ziel zu. Zum Annehmen gehört auch zu lernen ja statt nein zu sagen. Deswegen braucht der P. nicht alles mit sich machen zu lassen. Es geht um das Ja sagen zu dem, was er will, statt sich darauf zu konzentrieren, was er alles nicht will. Beim Nein verbraucht er seine Kraft im Kampf gegen etwas, was er gar nicht will. Beim Ja setzt er sie effektiv für das ein, was er will. Der P. braucht die Dunkelheit nicht zu bekämpfen. Er soll einfach das Licht anmachen! Ein weiterer wichtiger Schritt zur Heilung ist es zu vergeben und zu verzeihen: Wir haben immer die Wahlmöglichkeit, wie wir auf etwas reagieren. Je nachdem aus welchem Blickwinkel wir die Situation betrachten, erleben wir ganz unterschiedliche Gefühle. Ist es dem P. wichtiger sich aufzuregen und zu leiden oder zu verzeihen und frei und glücklich zu sein?
Erkennt ein Mensch die Tragweite einer Erkrankung in ihrer ganzen Dimension, auch in ihrer persönlichen und sozialen Reichweite an, und stuft Krankheit nicht nur als ärgerlichen Reparaturanlass ein, besteht die Chance einer Neubesinnung. Der definitive Einbruch der Krankheit in den Lebensplan kann so zur notwendigen, auch gesundheitsförderlichen Modifikation der bisher als stabil angesehenen Lebensweise führen. In diesem Sinne kann zeitlich begrenzte Krankheit eine wichtige Determinante von Gesundheit im weiteren Lebenslauf sein.
Selbsthilfe
Immer mehr Menschen ergreifen selbst die Initiative, um ihre gesundheitlichen oder psychosozialen Probleme eigenverantwortlich und doch gemeinsam mit Gleichbetroffenen anzugehen: Durch den Erfahrungsaustausch untereinander liefern gesundheitsbewusste Menschen einander immer wieder neue Modelle, mit Problemen umzugehen. So entsteht mehr Selbstvertrauen und der Mut, das eigene Schicksal anzunehmen und sein Leben bestmöglich zu gestalten. Bei der Suche nach Informationen über die Krankheit, die ein Betroffener hat, ist es sehr hilfreich, Menschen mit dieser Erkrankung, die über ihre Erfahrungen berichten, zu treffen. Eine gute Möglichkeit dafür sind Selbsthilfegruppen.
Dort lernen Menschen unterschiedlichen Umgang, unterschiedliche Verarbeitungsformen, kurz, unterschiedliche Sichtweisen ihrer Krankheit kennen. Sie werden aufgenommen in eine Gemeinschaft unter Gleichgesinnten und haben gute Chancen, dass diese Menschen sie und ihre Probleme verstehen.