Leitideen guter Unternehmensführung in der Krise
Die Wirtschaft und weite Teile der Gesellschaft sind nach längerer Inkubationszeit während der 90er Jahre in ein Fieber geraten, dessen letzte Schüttelfröste wir gegenwärtig überstehen. Das Fieber ist am Sinken und Strategien der Genesung werden abgewogen. Über den Erreger der Krankheit versuchen sich Wissenschaft und Praxis einig zu werden: Oder haben alle diese Faktoren in wechselseitiger Verstärkung zusammengewirkt?
Die Diagnose ist im Kern kaum bestritten: Unsere Wirtschaft und weite Teile unserer Gesellschaft sind krank. Erreger der Krankheit ist, wir unsere Zukunft auf eine vermeintlich wertfreie betriebswirtschaftliche Sachlogik bauten , auf eindimensionales Denken in Finanzkennziffern und außerdem setzten wir auf Maßlosigkeit und Gier.
Schwieriger ist das andere, nämlich Strategien der Genesung zu finden und umzusetzen.
Zur Debatte steht in neuer Auflage die alte Grundfrage nach dem Leitbild guter Unternehmensführung, an dem sich die verantwortlichen Leitungsinstanzen des Unternehmens orientieren können und von dem her ihre Leistung zu beurteilen ist. Der gegenwärtigen Komplexität und Dynamik der Fragestellungen in der Unternehmensführung ist nicht mehr bloß mit technokratischen Mitteln und quantifizierenden Management-Tools beizukommen. Heute sind es die «weichen» Faktoren, die die wirklich harten Fragen aufwerfen.
Das hoch qualifizierte Spezialistentum, das nicht selten dazu neigt, Zusammenhänge zu ignorieren, stößt hier ebenso an seine Grenzen wie das aktivistische Machertum, das seine Orientierungs- und Ideenlosigkeit durch permanentes «Reengineering» und «Change Management» zu überdecken versucht.
Wir müssen um unserer Zukunft willen ein ganzheitliches Verständnis von den Vorgängen in unserer Welt gewinnen und in die Kosten-Nutzenrechnung mit einbeziehen lernen.
Es gibt einfach nicht mehr zu ignorierende Zusammenhänge, die für die Zukunftsfähigkeit der Menschen eine große Bedeutung haben.
Auf diese Zusammenhänge eine konstruktive Antwort zu finden, ist ohne ein tragfähiges gesellschaftliches Rollenverständnis der Unternehmen und ohne ein professionelles Selbstverständnis insbesondere der obersten Führungskräfte nicht zu leisten.
Welche Werte soll das Unternehmen für wen schaffen? Und: Welche Strategien und Methoden der Erfolgserzielung dürfen als legitim (d.h. ethisch berechtigt) gelten und welche nicht? Dabei ist von einem elementaren Tatbestand auszugehen, der in Shareholder-Value-geschädigten Denkmustern noch immer gern verdrängt wird: Unternehmen sind nicht bloß Subsysteme der Marktwirtschaft, sondern zugleich gesellschaftliche Wertschöpfungsveranstaltungen, deren Handeln immer öfter mitten im Brennpunkt öffentlicher Wert- und Interessenkonflikte steht.
Genau aus dieser ganz normalen und unvermeidlichen gesellschaftlichen Konflikthaftigkeit allen unternehmerischen Handelns begründet sich die Unverzichtbarkeit einer unternehmensethischen Perspektive guter Unternehmensführung.
Jedes Unternehmen ohne eigene kultivierte, ethische Grundhaltung läuft Gefahr, über kurz oder lang bei ethisch fragwürdigem und anstößigem Geschäftsgebaren ertappt zu werden und orientierungslos den Wellen der Empörungskommunikation in der kritischen Öffentlichkeit ausgeliefert zu sein.
Die aktuelle – und akute – Glaubwürdigkeits- und Reputationskrise, in welche sich die Berufsgruppe der Aufsichts- bzw. Verwaltungsräte und der Manager durch gehäufte Erscheinungen von persönlicher Gier und Eigennützigkeit, von manipulierter Rechnungslegung und weiteren unprofessionellen Praktiken manövriert hat, ist bei näherer Betrachtung allerdings eher als skandalöses Symptom denn als die eigentliche Ursache der prekär gewordenen Legitimationsbasis vor allem des Big Business zu verstehen.
Führungskräfte müssen auf die Frage, worauf es denn einer ethisch wertvollen Unternehmensführung grundlegend ankommen sollte, eine klare Orientierung gewinnen.
Unsere Gesellschaft hat nur noch eine Brille auf, nämlich die der Wirtschaftlichkeit, was im Zuge der Globalisierung und der damit verbundenen Anforderungskomplexitäten, verständlich ist, letztendlich aber zu einer Wirklichkeitstrübung führt.