Überprüfen ausgelatschter Überzeugungshülsen
Stimmt es denn noch, dass Arbeit und Kapital gegensätzlichen Interessen folgen und sich in ihren Aktivitäten behindern müssen? Wäre es nicht realistischer und – angesichts der gewaltigen vor uns liegenden Probleme Erfolg versprechender – in Gewerkschaften, Betriebsräten und Personalvertretungen so etwas wie ein Co-Management moderner Unternehmen und Einrichtungen zu sehen? Müssen wir denn Rationalisierung immer noch gleichsetzen mit Substitution von Arbeit durch Technik? Stehen nicht diejenigen Unternehmen und Fabriken heute wirtschaftlich besser da, denen es gelingt, Spitzentechnologie und spitzenqualifiziertes Personal in zugleich effizienten und gesundheitsförderlichen Arbeitssystemen zusammenzuführen? Arbeit macht ja keinesfalls zwangsläufig krank, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit dort, wo es das Management versäumt, Gestaltungsspielräume zur Erschließung und zur Förderung von Gesundheitspotentialen auszuschöpfen, und wo man darauf verzichtet, sich dabei des Wissens und der Erfahrungen der Beschäftigten vor Ort zu vergewissern.
Fertigungsmethoden, die zugleich gesundheitsförderlich und arbeitsorientiert sind stehen nicht im Gegensatz zum Einsatz modernster Technologie. Sie bilden vielmehr eine wesentliche Voraussetzung flexibler Produktion; diese Auffassung scheint sich in der aktuellen Organisations- und industriesoziologischern Forschung zunehmend durchzusetzen. Führung einer Organisation durch Entwicklung einer überzeugenden Organisationskultur, durch Aushandlung und Partizipation ist die alles in allem wahrscheinlich nicht nur gesündere, sondern auch produktivere Strategie.
Gesundheitsförderung durch Arbeits- und Organisationsgestaltung ist Management von Innovationen. Ziel sollte nicht ein wie auch immer ausgefeiltes Stückwerk sein, sondern die Entwicklung einer integrierten und umfassenden Gesundheitspolitik. Auch wertvolle Beiträge einzelner Gesundheitszirkel bleiben Insellösungen, oder haben keine längerfristigen Auswirkungen, wenn sie nicht ergänzt werden durch eine Strategie systemischer Gesundheitsförderung.
Wir sollten zukünftig dem seelischen Befinden der Beschäftigten mehr Aufmerksamkeit schenken. Chronische Ängste, Depressivität und Schlaflosigkeit sind eine Art Frühwarnsystem dafür, dass etwas nicht stimmt in unseren Beziehungen zur Umwelt. Etwas, das unsere Lebensqualität beeinträchtigt, unsere Leistungsfähigkeit mindert und schließlich auch unsere Gesundheit bedroht. Gesundheit darf nicht als statischer Zustand begriffen werden. Gesundheit ist auch nicht gleichbedeutend mit Glück und Wohlbefinden. Gesundheit ist vielmehr eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, durch die ein positives, seelisches und körperliches Befinden erhalten oder wiederhergestellt wird. Zuversicht, Selbstvertrauen und ein positives Selbstwertgefühl, die Fähigkeit nicht nur zur Leidensvermeidung, sondern auch zur Lustmaximierung, sind für uns wesentliche Elemente seelischer und somatischer Gesundheit.