Joachim Armbrust (Hrsg.)

KiTa aktuell spezial

Das Kind im Mittelpunkt

KiTa aktuell spezial - Das Kind im Mittelpunkt - Joachim Armbrust.jpg
  • Fachzeitschrift für Leitungen, Fachkräfte und Träger der Kindertagesbetreuung
  • Ausgabe 02/2017
  • ISSN 1437-4013
  • Art. Nr. 69319 702
  • Carl Link Verlag (Wolters Kluwer)
  • Redaktion Monika Kruse-Köhn
  • Sonderausgabe der KiTa aktuell
  • Inhaltsverzeichnis
  • Download als PDF (~1,05MB)

Das Kind im Mittelpunkt

Die Kita-Landschaft ist seit einigen Jahren gewaltig in Bewegung gebracht worden, in der sich vieles umgestaltet (hat).

So manches Mal hatten Sie als betroffene Kita-Mitarbeiterinnen vielleicht das Gefühl von einem Erdbeben erfasst zu werden, das sie hinwegfegt und alle gewachsene Selbstverständlichkeit zum Wanken bringt, wenn vielleicht auch in jüngerer Zeit die Wirkung der eingeleiteten Verschiebungen wieder in nachlassenden Wellen vorsichtig abebben darf.

Die Kita wurde plötzlich in den Bildungsfokus gehoben, Bildungspläne und Trainingsprogramme, sowie ein neuer Orientierungsrahmen entwickelt, Erfassung und Dokumentation fokussiert, um noch „effektiver“ die frühe Kindheit als Bildungsraum zu nutzen. Beziehungsaspekte traten ganz in den Hintergrund, waren plötzlich nicht mehr so wichtig.

Das alles unter dem politischen Vorzeichen für jedes Kind einen Platz zur Verfügung zu stellen und das bei gleichzeitigem Fachkräftemangel.

Auch das Entwickeln von berechenbaren Präsenzbausteinen, die Eltern dann, individuell ihren Bedürfnissen entsprechend, einkaufen können, hat große Unruhe von Kita-Jahr zu Kita-Jahr gebracht – weil so immer zur Disposition stand, wie viel Mitarbeiterinnen noch gebraucht werden oder auch nicht.

Die Mitarbeiterinnen von Kitas beweg(t)en sich in einem Feld, das von außen großen Anforderungsdruck aufbaut(e) und mit großer Wirkmächtigkeit ein neues Selbstverständnis zwingen will (wollte). Die Kita als Bildungsort, der entsprechend der Überformungsmuster, die wir aus der Schule kennen, Kindern Bildung quasi „einlöffeln“ sollte.

Wenig gesehen wurde, dass Bildung etwas mit sich bilden zu tun hat und dass kleine Kinder dafür unabdingbar eine Bindungsperson brauchen, die ihr Vertrauen genießt und bei und mit der sie ohne Angst sein können.

Intrinsische Bildungswünsche oder nennen wir es besser kindliche Neugier, entstehen aber nur in einer Atmosphäre von Eigen-Raum, Eigen-Zeit und Eigen-Rhythmus, die einlädt, aber nicht aufzwingt.

In einem solchen stressierenden Anforderungsfeld, das seinem Anspruch auf Qualitätsverbesserung noch nicht einmal nachkommt (wie wir von verschiedenen Studien, z.B. der NUBBEK-Studie, wissen, hat die Qualität in den letzten 25 Jahren eher ab- denn zugenommen), ordentliche und kindorientierte Begleitung zu ermöglichen, ist schon ein Kunststück, das der Anerkennung und der Hochachtung bedarf und das ja nicht selten auch gelingt! Das darf und muss hier deutlich und laut gesagt werden!

Es geht also nicht darum, ihnen ein weiteres Schuldgefühl einzupflanzen, sondern es geht um Befreiung von einem solchen.

Natürlich schafft jede Systemanforderung oder jede Struktursetzung ihre ganz eigene, gelebte Kultur des Miteinanders, die mehr oder weniger Spürbewusstsein zulässt, mehr oder weniger Achtung und Wertschätzung zugrunde legt und sich mehr oder weniger kindorientiert erweist.

Dabei wissen wir alle, wer dauergestresst ist, wer sich permanent entwertet fühlt, wer das Gefühl hat nicht mehr selbstbestimmt und kreativ im Austausch mit den Kolleginnen das Feld bestellen zu können, sondern sich fremdbestimmt und von außen geführt fühlt und wer Sinnhaftigkeit manches Mal vermisst, der wird innerlich eng, verstummt, verliert den Glauben an die eigene Wirkmächtigkeit und platzt aus der Überforderung heraus vielleicht manchmal hinein in wenig kindorientierte Haltungen, in mächtige, Angst machende  Rollen und lässt es an Beziehungsangeboten auf Augenhöhe mit dem Kind vielleicht auch manches fehlen.

Diese großen und leicht nachvollziehbaren, aber auch die kleinen im feinstofflichen Bereich von Beziehung sich abspielenden Schattenbewegungen, die Kinder in ihrer Selbstwürde verletzen und ihre Grenze und Bedürfnisse nicht würdigen, wollen wir aus dem Dunklen der Tabuzone herausholen und ins Licht stellen, nicht um jemanden zu brandmarken, sondern gerade um Sie zu entlasten von Schuldgefühlen und so zu ermöglichen, hier neue kindorientierte Haltungen mit Selbstkontrolle durch das Team, aber auch mit dem Freiraum zum freudvollen Sein auszustatten.

Sie als Erzieherin sind nun einmal eine durch ihr Subjekt handelnde Person, die unbedingt der Selbstreflexion bedarf, weil sie mit ihrer Person täglich auf Kinder einwirkt und Einfluss nimmt/hat.

Wir als Gesellschaft können Ihnen dabei helfen, indem wir mit ein Auge darauf legen, was geht und was nicht geht, aber auch in dem wir von außen her den Raum Kita und das Wirken der Erzieherinnen so unterstützen und begleiten, dass darin auch Gutes gedeihen kann.