I. Überlegungen, Beiträge, Annäherungen zu einem umfassenden Gesundheitsbegriff
Gesundheit im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
"Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Beschwerden und Krankheit."
Alle Menschen dieser Erde sollen - unabhängig von ihrer sozialen Schicht, Nation, Religion - in ihrem Alltag mit all seinen Lebensbereichen ihr Leben gesund und konstruktiv gestalten können und in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitiger Achtung zusammenleben können; sie sollen dabei durch entsprechende Lebensbedingungen unterstützt werden.
"Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. ... Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten."
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt mit ihrer positiv orientierten und umfassenden biopsychosozialen Gesundheitsdefinition, mit der für Europa entwickelten langfristigen Strategie "Gesundheit für alle" und mit der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung wichtige Leitlinien für die internationale und nationale Gesundheitspolitik.
In den letzten Jahren hat sich im Bereich wissenschaftlicher Arbeit zu Krankheit und Gesundheit ein Paradigmenwechsel vom biomedizinischen zum bio-psycho-sozialen Modell vollzogen.
Dieses Umdenken hat zur Entwicklung eines veränderten Gesundheitsverständnisses geführt.
-Gesundheit ist ganzheitlich zu betrachten, also mit körperlichen, psychischen und sozialen Komponenten versehen
-die einzelnen Elemente von Prävention und Protektion stehen in einer starken Interdependenz zueinander und können daher nicht einzeln die gewünschte Wirksamkeit entfalten
-unser Gesundheitsverständnis muss in das gesamte soziale, ökologische und infrastrukturelle Umweltgeschehen eingebettet sein
-überzeugendes Gesundheitsverständnis setzt auf Selbstbestimmung, Emanzipation und Persönlichkeitsentfaltung des Individuums
Grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit sind: Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Öko-System, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Jede Verbesserung des Gesundheitszustandes ist zwangsläufig fest an diese Grundvoraussetzungen gebunden.
Die Minimierung, besser die Vermeidung physischer Stressreize wie Abgase in der Atemluft, hohe Verkehrsgeräusche, Giftstoffe in der Nahrung, Sauerstoffmangel sind für die Erhaltung der Gesundheit von großer Bedeutung. Gesunderhaltende Lebens-, Lern- und Arbeitsumwelten sind solche, in denen dauerhaft eine hohe Luftqualität, ein niedriger Geräuschpegel, gute Lichtverhältnisse herrschen.
Zahlreiche empirische Studien haben ergeben, dass Gesundheit, Krankheit und Krankheitsbewältigung durch ein komplexes Zusammenwirken von physischen, psychischen und sozialen Faktoren bestimmt werden. Gesundheit bzw. Krankheit wird als Prozess verstanden, der durch menschliches Verhalten und die ihn umgebenden Lebensverhältnisse beeinflusst wird. Demnach muss man gesundheitsbezogenes Verhalten in seiner lebensgeschichtlichen Entstehung sehen und gesundheitsschützende Lebensverhältnisse mit einer aufeinander abgestimmten Verhaltens- und Verhältnisprävention fördern.
Der pathogenetische Ansatz "Was macht Menschen krank?" muss ergänzt werden durch den salutogenetischen Ansatz "Was hält Menschen gesund?"
Bestimmte Einstellungen eines Menschen zu sich selbst bzw. bestimmte psychische Merkmale sind gesundheitserhaltend und wirken sich positiv auf das Selbsterleben und die sozialen Beziehungen aus. Wir sprechen dabei von persönlichen Ressourcen. Sie tragen zur gelingende Bewältigung von Alltagsbelastungen und Lebensereignisse genauso bei, wie soziale Ressourcen. Nachfolgend eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, gepaart mit interpersonalem Vertrauen und Vertrauen in die Zukunft; selbstwirksam handeln können; Selbstbehauptungs-, Liebes-, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit; Selbstreflexion; Selbstkompetenz und Autonomie; differenzierte Selbstwahrnehmung; großes Verhaltensrepertoire; Glauben an sich selbst; Akzeptanz eigener Stärken und Schwächen; ein positives Selbsterleben; eine weitreichende emotionale Stabilität; seelisch-körperliches Wohlbefinden; persönliche Unabhängigkeit; Gefühle ansprechen und ausleben zu können; die eigenen Bedürfnisse artikulieren können; Raum für eigene Entscheidungen und Selbsttätigkeit; Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber; Rollenflexibilität; Netz sozialer Beziehungen; Befriedigte elementare menschliche Bedürfnisse nach Sozialkontakten; zuverlässige zwischenmenschliche Beziehungen mit hoher Qualität der Beziehungsinhalte; die Fähigkeit, auf andere Menschen zu zugehen; weitreichende Kommunikationskompetenzen; Erfahrungsräume für Initiative, Kreativität, Selbstverantwortung, Gruppenerlebnisse und solidarische Konfliktlösungen; helfendes, unterstützendes und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber anderen Menschen; Mobilisierung sozialer Unterstützung im Freundes- oder Familienkreis und im professionellen System; Hilfe nicht nur mobilisieren und sondern auch annehmen zu können; eine hohe Zahl spezifischer Ziele und Fähigkeiten sowie Erinnerungen aus der eigenen Lebensgeschichte; Übernahme von Verantwortung; eigenständige und unverwechselbare, einzigartige und unaustauschbare Form der Selbstentfaltung; sich für die eigene Lebensführung selbst verantwortlich wissen; sich als Quelle der eigenen Handlungen und Urteile begreifen; Herstellen von Lebenszusammenhängen; normative Orientierung; eigene Kapazität für Wertorientierungen; selbst Entscheidungen treffen können; positive Perspektiven im Denken und Handeln entwickeln und anstreben bzw. erreichen können; sich dem Streben des Menschen nach Reifung und Entfaltung seiner Anlagen verpflichtet fühlen; Entwicklungsmöglichkeiten sehen und haben; Offenheit für Veränderungen und Lebensaufgaben; Handeln muss auch an eigenen Gütemaßstäben orientiert werden können; Selbstbestimmung und der Selbstverwirklichung im Rahmen des unabwendbar Vorgegebenen; Chancen zur Umorientierung und Neuentscheidung in jeder Lebensphase; ermöglichen eine gesunde Persönlichkeits-entwicklung; hinreichende Handlungs-, Entscheidungs- und Kontrollspielräume; aktiver problemzentrierter Umgang mit stressreichen Konfliktsituationen, mit Aggressionen und Gewalt; das grundsätzliche Gefühl zu haben, wichtige Ereignisse im Leben selbst beeinflussen und die eigene Umwelt mitgestalten zu können; Bewältigung von Leistungsanforderungen; Belastungen problembezogen bewältigen zu können; für die Konsequenzen eigenen Handelns einstehen können.
Ein gutes Gespür für die Widersprüchlichkeiten und die physischen, psychischen, sozialen und geistigen Dimensionen des Lebens hilft, einen bewussten, angemessenen und auch gelassenen Umgang mit der Umwelt und den eigenen Gefühlen und Stimmungen zu entwickeln.
Die Gesundheit des Menschen steht in Wechselwirkung mit seiner Umgebung und wird beeinflusst durch die Lebensbedingungen in Familie, Wohnung und Arbeitswelt. Im Zusammenhang mit diesen Bereichen entwickeln die Menschen Gesundheit schützende und schädigende Verhaltensweisen.
Die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für die eigene Gesundheit kann nur gelingen, wenn ein Mensch davon überzeugt ist, dass das Leben Sinn hat.
Sinnvolle Lern-, Arbeits- und Freizeitziele tragen zu einem lebenswerten Leben bei. Persönliche Ziele zu setzen und zu verfolgen, sich einer Sache verpflichten und engagiert handeln zu können, sind Merkmale, die sich als schützende Faktoren für Gesundheit erwiesen haben.
In unserer schnelllebigen und anforderungsreichen Zeit ist ein ausgewogenes Verhältnis von Anspannung und Entspannung, von Anforderungen und Freiräumen, von Arbeit und Freizeit eine wichtige Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden und Gesundheit.
Die natürlichen Krümmungen der Wirbelsäule, die Stellung von Knochen und Gelenken sowie die natürliche Dehnfähigkeit und Kraft der gesamten Körpermuskulatur sind körperliche Gesundheitsfaktoren. In der Körperhaltung drückt sich Selbstbewusstsein aus.
Die sinnliche Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie der Verhältnisse der eigenen Person zur sozialen und dinglichen Umwelt ist eine wichtige Grundlage für den Bestand von Gesundheit. Eine entwickelte und differenzierte Selbst- und Körpererfahrung, auch eine Selbst- und Körperwahrnehmungsfähigkeit, sind wichtige gesundheitsfördernde Faktoren.
Eine weit entwickelte Wahrnehmungsfähigkeit auf allen Sinnesebenen ermöglicht es, die natürlichen Biorhythmen im kognitiven wie im körperlichen Leistungsbereich wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Sie ermöglicht es, positive Körpergefühle als Beitrag zum Wohlbefinden zu erleben und körperliche Veränderungen wie Befindlichkeitsstörungen oder erste Krankheitssymptome frühzeitig wahrzunehmen.
Eine optimale Ernährung ist von grundlegender Bedeutung für die Gesundheit.
Regelmäßige ausreichende körperliche Bewegung sowie Sporttreiben ist zum Aufbau des Körpers und zur vollen Entwicklung aller Körperfunktionen und auch zu deren Erhalt im weiteren Lebensverlauf von großer Bedeutung.
Körperlichkeit ist eine zentrale Dimension menschlichen Lebens, insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Krankheit.
Psychische Befindlichkeiten wirken sich zum Teil kurzfristig und direkt, zum Teil erst langfristig auf körperliches Befinden aus.
Ess- und Bewegungsverhalten beeinflussen direkt das körperliche Befinden. Umgekehrt wirken sich körperliche Merkmale auf das psychische Befinden und die Persönlichkeit, z.B. auf das Selbstwertgefühl aus.
Das Sozial- oder Gesundheitsverhalten wird durch die körperliche Verfassung mit geprägt.
Bei weitreichender Körpersensibilität im Sinne eines gut entwickelten sensiblen Nervensystems und der Fähigkeit, Körpersignale bewusst wahrzunehmen, ist der einzelne in der Lage, die Auswirkungen von gesundheitsbelastenden Einflüssen frühzeitig wahrzunehmen.
Faktoren wie Ernährung, Ruhe, sportlicher Betätigung, Hygiene, Schutz, Vermeidung von
gefährlichen Substanzen, Verhütung von Unfällen und Verletzungen werden dann schon im
Vorfeld berücksichtigt..
Gesundheitsressourcen stehen uns zur Verfügung, sie müssen aber als Zusammenhänge und Synergismen gesehen werden:
- soziale Dimension:Mitwelt - Familie, Nachbarn, soziales Netz (nicht soziale Hängematte)
- ökologische Dimension:Umwelt - natürliche Lebens-Umwelt, Wohn- und Infrastruktur
- individuelle Dimension:Eigenwelt - Intelligenz, Erfahrung, Kreativität, Motivation.
- transzendente Dimension:Überwelt - Vertrauen, Glaube , Perspektive
Bewusste Lebensgestaltung schließt nicht nur den ganzen Menschen ein, sondern auch die persönliche Umgebung, menschliche Bindungen, das soziale Gefüge und die Natur: Wie ernähren wir uns, wie gestalten wir unsere Umgebung, wie erziehen wir unsere Kinder (und uns selbst!), welche Bedeutung nimmt unsere Arbeit ein, welche Qualität haben unsere Beziehungen?